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Was mir bei meiner täglichen Arbeit mit der Fotografie so alles durch den Kopf geht.
Kopf voller Bilder
Sag mal,
warum fotografierst du eigentlich?
Aber sag jetzt bitte nicht „weil das mein Hobby/ meine Arbeit ist“
oder „weil ich Momente festhalten will“. Capturing moments. Jaaaaa.
Da gibt es doch sicher noch mehr.
Was fasziniert dich denn am Fotografieren? Warum tust du es?
Damit du rauskommst unter Leute?
Weil es die perfekte Kombination ist zwischen Technik und Kreativität ist?
OK, und jetzt noch ein bisschen tiefer bitte.
Ich erzähl dir mal, warum ich es tue und zwar schon praktisch mein Leben lang.
Ja, es ist meine Art, mich auszudrücken, ein Teil meiner Sprache.
Aber da ist noch mehr. Ganz tief in meinem Kopf, da gibt es einen Ort, da sind abertausende von Bildern. Und jeden Tag kommen neue dazu.
Einige sind ganz unauffällig und still, andere schreien herum wie ein kleiner Dreijähriger. Sie alle wollen irgendwie raus, irgendwann, wollen gesehen werden.
Wenn ich mir zu wenig Zeit für sie nehme, dann wird das Geschrei da oben so laut dass es unerträglich wird. Es gehört also sozusagen zu meiner mentalen Hygiene, ab und zu ein paar meiner Bilder im Kopf rauszulassen oder zu befreien.
Dummerweise ist es so, sobald einige draußen sind, entstehen wieder neue.
Aber das ist eine andere Story.
Wie geht es dir mit diesem Thema? Hast du auch den Kopf voller Bilder?
Aus welchem Grund fotografierst du?
Sind Handyfotos das neue Tagebuch?
Es wird oft darüber geredet, dass wir in unserem Alltag von Bildern überschwemmt werden. Überall werden Fotos gemacht mit dem Handy, wir konsumieren Fotos in den sozialen Medien und lesen kaum noch Texte. Das wird allgemein sehr bedauert, ein grosser Verlust an (Lese-) Kultur wird proklamiert und der Untergang unserer Kultur gleich mit. Es fühlt sich tatsächlich an, als ob wir einen grossen Wandel durchmachen was unsere Kommunikation und betrifft. Das Bild übernimmt die Führung, die Schrift steht als Kommunikationsmittel nur noch an zweiter Stelle.
Was viele nicht wissen, dass dieser Wandel, diese Revolution in der Kommunikation, schon vor über 30 Jahren von verschiedenen Medienphilosophen und Kommunikationswissenschaftleren vorhergesagt wurde. Die Theorie dazu nennt sich «Iconic Turn», sie wurde von Gottfried Boehm entwickelt. Wer sich näher mit diesem Thema beschäftigen möchte, dem empfehle ich vor allem die Literatur von Vilém Flusser, einer der bedeutendsten Vertreter, der viele interessante und bedeutende Werke geschrieben hat.
Anyway, auch wenn wir uns nicht mit der Medientheorie befassen, erkennen wir diesen Wandel so oder so in unserem täglichen Leben.
Interessanterweise gab es einen solch grossen Wandel in der Kommunikation schon einmal, als der Buchdruck erfunden wurde. Vorher war nämlich die mündliche Überlieferung die Hauptkommunikation, um Wissen zu bewahren und weiterzugeben. Der Buchdruck hat dies revolutioniert. Durch das massenhafte Drucken und Vervielfältigen von Schriften konnte Wissen ganz einfach konserviert und weitergegeben werden.
Eine ähnliche Revolution machen wir gerade durch. Wir alle machen so unglaublich viele Fotos mit unseren Handys. Je wichtiger das Ereignis, desto mehr Fotos. Aber auch im normalen Alltag dokumentieren wir einen Teil unseres Lebens, indem wir Fotos schiessen. Warum tun wir das eigentlich? Es scheint tatsächlich ein grosses Bedürfnis zu sein. Oft wird es auch kritisiert oder man macht sich lustig darüber. Aber was so viele Menschen für so wichtig empfinden und aus eigenem Antrieb täglich freiwillig und gerne machen, das muss doch einen tieferen Hintergrund haben.
Kurzer Rückblick nochmals zur Schrift und zum Schreiben. Es gibt die Theorie, dass schreiben hilft, die Gedanken zu ordnen. Tagebuch (Journal) schreiben wird zum Beispiel oft empfohlen, um Ereignisse zu verarbeiten und zu verstehen, Strukturen zu schaffen, dankbar zu sein. Eine wunderbare Sache.
Was, wenn nun dieses tägliche Produzieren von Fotos eigentlich genau diesen Grund hat? Wenn es eigentlich im Grunde nichts anderes ist als Tagebuch führen? Aber anstatt, dass wir schreiben, machen wir Fotos?
Das viele Handyfotos machen ersetzt quasi das Tagebuch schreiben von früher. Durch das regelmässige Bilder machen behält man die Vergangenheit am Leben und es vereinfacht es, erlebte Dinge einzuordnen und sie zu verarbeiten.
Wir haben diesen Iconic Turn also schon verinnerlicht. Wir verwenden Fotos, um mit anderen zu kommunizieren, aber auch für uns selber, um uns zu erinnern, um unserem Leben Struktur zu geben, als Notizen und noch für so vieles mehr.
Was denkst du, sind Fotos wichtiger geworden als Text? Welchen Zweck erfüllen die Handyfotos bei dir?
Warum Fotografie eine Sprache ist und Bildanalyse die Grammatik dazu
Als vor vielen Jahren an der Fachhochschule unserer Dozenten die These in den Raum warfen, dass in nicht all zu langer Zeit das Bild unsere Hauptkommunikationsmittel sein wird und damit die Sprache als solches Ablösen wird, konnten wir uns alle noch nicht so recht einen Reim darauf machen.
Wir hatten uns gerade mal daran gewöhnt, eine neues Informationsmittel namens Internet zu verwenden. Die ersten Kollegen hatten ein eigenes Handy, es waren aber nur ein paar Vereinzelte. Wir fotografierten auf Film, was bekanntermassen viel zeit in Anspruch nahm. Erste Digitalkameras existierten auch schon, aber wir gingen davon aus, dass es ewig dauern wird, bis die eine Qualität hervorbringen, die man ernst nehmen kann.
Nun ja, wir wissen ja alle, wie schnell es dann tatsächlich ging. Und dass heute unsere Hauptkommunikationsmittel, zumindest in den sozialen Medien, tatsächlich Bilder sind.
Aber auch sonst ist das Bild meistens unsere erste Quelle, wenn wir neue Informationen erhalten. Videos, online Medien, social Media. Hand hoch, wer die Texte dazu liest.
(Danke an dieser Stelle, dass du immer noch dabei bist)
Wir machen alle Fotos und wir kommunizieren damit. Sobald etwas zur Kommunikation eingesetzt wird, kann man es auch als Sprache verstehen. (ja, das ist vielleicht nicht ganz korrekt, bringt mich aber schneller zum relevanten Punkt). Sprache aber, so behaupte ich jetzt mal, braucht auch eine Grammatik. Und hier wird’s nun schwierig.
Wir kommunizieren alle mittels Fotos, aber ganz ehrlich, können wir sie auch lesen?
Hat uns das jemand beigebracht? Oder wursteln wir uns da einfach so durch?
Was bedeutet das für unseren täglichen Austausch, dass wir mittels einer Sprache kommunizieren, deren Grammatik wir nicht verstehen oder deren wir uns nicht bewusst sind?
Aber was genau bedeutet denn das, die Grammatik der Bildsprache und wie können wir sie lernen.
Die Grammatik einer Sprache zu verstehen heisst, die Struktur und die Regeln dieser Sprache zu verstehen. Die Art und Weise, wie eine Sprache aufgebaut und strukturiert ist, bestimmt auch das Denken in der jeweiligen Sprache. Wir können auch viel Sekundäres dazu lernen, wenn wir uns damit befassen.
Was hat dies aber nun mit der Bildsprache zu tun. Es ist wichtig, ein Bild neutral lesen zu können. Um es zu beurteilen und vor allem auch um zu verstehen, WAS es kommuniziert.
Die Sache mit unseren Fotos ist ja die: meisten hängt eine persönliche Erinnerung mit dran. Ein einfaches Beispiel dazu: eine Kollegin zeigt dir ein Foto ihres dreijährigen Kindes auf dem Schoss eines älteren Mannes. Du siehst das Kind, welche Haarfarbe es hat, die Kleidung, die Augenfarbe. Vielleicht siehst du, ob es ein Mädchen ist oder ein Junge. Genauso bei dem älteren Mann. Wenn du Fotografin/in bist, erkennst du auch noch, dass das Bild mit einem frontalen Kamerablitz gemacht wurde und es von der Qualität her sicher nicht von einem Profi stammt. So weit, so gut.
Nun beginnt die Kollegin aber zu erzählen, von diesem Tag, als das Bild gemacht wurde. Es war das letzte Mal, dass das kleine Kind seinen Grossvater gesehen hat und es hängen ganz viele Erinnerungen mit dran. Erinnerungen, die für sie ganz fest mit diesem einen Bild in Verbindung stehen, wir als Aussenstehende, und das ist hierbei sehr wichtig, können diese aber auf dem Foto nicht erkennen. Das Foto an sich ist ein simpler Schnappschuss, für die involvierten Personen aber ein unglaublich wichtiger Punkt in ihrem Leben. Das, was das Foto kommuniziert, ist nicht gleich zu setzten, mit der Bedeutung, die es für die Besitzerin hat.
Dasselbe gilt wohl auch für all die Millionen von Ferienfotos auf dieser Welt.
Wie können wir nun lernen, wirklich zu SEHEN, was auf dem Foto drauf ist?
Die Antwort darauf ist, lerne die Bildanalyse. Lerne, wie ein Foto aufgebaut ist. Lerne, den Inhalt neutral zu beschreiben, seinen Gestaltungsaufbau zu erkennen und nur auf Grund dieser zwei Faktoren, eine Interpretation zu machen. Mit der wissenschaftlichen Bildanalyse hast du das Werkzeug in der Hand, jedes Foto in seinem Inhalt und Aufbau zu verstehen, so kannst du genau erkennen, was es kommuniziert. Du siehst Wiedersprüche und Fakten und wirst danach Fotos nie wieder gleich ansehen.
Dabei wird ein Bild in mehreren Schritten «auseinandergenommen» und wir erkennen seinen Aufbau und die Struktur. Man unterteilt die Analyse in eine sachliche Beschreibung des Inhaltes und den gestalterischen Aufbau. Beides wird möglichst neutral analysiert und beschrieben. Danach macht man in einem dritten Schritt eine Interpretation, die sich ganz konkret auf die zwei vorherigen Schritte, nämlich Inhalt und Gestaltung, bezieht. Das alles tönt sehr trocken und ja, es ist es zu Beginn auch, es ist halt Grammatik. Das Resultat aber, wenn du dich da durchgekämpft hast, ist beindruckend. Auf einmal hast du einen anderen Zugang zu all den Bildern in deinem täglichen Leben. Weil du sie verstehst, weil du sie lesen kannst. Du siehst so viel mehr als vorher.
Auch deine eigenen Bilder wirst du auf ein ganz neue Art und Weise betrachten. Mit einem antrainierten neutralen Blick siehst du nun, wie andere deine Bilder sehen. Natürlich bleibt immer die eine Komponente, nämlich diejenige der eigenen Erfahrung. Aber das ist ja bei der gesprochenen Sprache genauso. Und wir wollen unbedingt unsere Vielfalt erhalten. Aber eben auch, Verstehen.